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Strahlung in der Medizin: Wie hoch ist das Risiko wirklich?

Julia Lambrecht
28. Juli 2026

Der wichtigste Unterschied zuerst

Die Dosis

Kaum ein Wort in der Medizin ist so angstbesetzt wie „Strahlung“. Dabei verbergen sich dahinter völlig unterschiedliche Dinge: die Dosen einer Röntgenaufnahme, die Dosen einer Krebsbestrahlung und die der Reizbestrahlung bei schmerzenden Gelenken. Wer Nebenwirkungen und Risiken verstehen will, muss zuerst wissen, worüber genau gesprochen wird.

Dieser Beitrag ordnet das Thema entlang von drei Anwendungen: der diagnostischen Radiologie (Röntgen, CT), der Krebs-Strahlentherapie und der Bestrahlung gutartiger Erkrankungen. Alle medizinischen Aussagen sind mit Fachquellen belegt, die am Ende des Beitrags aufgeführt sind.

Vergleich der Strahlenbelastungen

Diagnostik

Strahlung in der Radiologie: klein, aber nicht unsichtbar

Röntgenstrahlen gehören zur ionisierenden Strahlung – ebenso wie die kosmische Strahlung aus dem Weltall und die natürliche Strahlung aus Böden, Baustoffen und Nahrung. Diese natürliche Strahlung ist kein Sonderfall der Medizin, sondern ständiger Begleiter: In Deutschland liegt sie im Mittel bei rund 2,1 Millisievert pro Jahr und schwankt je nach Wohnort und Lebensweise etwa zwischen 1 und 10 mSv [1].

Vor diesem Hintergrund sind die Dosen der Röntgendiagnostik einzuordnen. Eine Aufnahme des Brustkorbs liegt bei etwa 0,01 bis 0,03 mSv – ein Bruchteil dessen, was der Körper in wenigen Tagen ohnehin an natürlicher Strahlung aufnimmt. Eine Computertomographie ist dosisintensiver, bleibt aber in einer definierten Größenordnung:

Strahlendosen nach Anwendungsgebiet

Der Vergleich mit dem Flugzeug ist aufschlussreich – und wird oft überzeichnet. Ein Hin- und Rückflug Frankfurt–New York bedeutet nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz nur etwa 0,1 mSv, also rund fünf Prozent der jährlichen natürlichen Strahlenexposition [2]. Man müsste sehr viele solcher Flüge unternehmen, um die Jahresdosis nennenswert zu erhöhen.

Gibt es eine „ungefährliche" Dosis?

Hier wird es wissenschaftlich anspruchsvoll – und ehrlicherweise auch strittig. Für den Strahlenschutz gehen die maßgeblichen Gremien (ICRP, UNSCEAR, Bundesamt für Strahlenschutz) vom linearen Modell ohne Schwellenwert aus, kurz LNT: Man nimmt an, dass das strahlenbedingte Krebsrisiko mit der Dosis linear abnimmt, bis hinunter zu sehr kleinen Dosen – ohne dass es eine völlig „sichere“ Untergrenze gäbe [3, 4].

Wichtig einzuordnen:

Vereinzelt wird die These vertreten, sehr kleine Dosen seien harmlos oder sogar günstig (sogenannte „Hormesis“). Nach Bewertung von ICRP, UNSCEAR und BfS reicht die Datenlage dafür nicht aus, um vom LNT-Modell abzuweichen [3, 4]. Aussagen, kleine Strahlendosen hätten „bio-positive“ Effekte, sind daher nicht Stand des wissenschaftlichen Konsenses.

Das LNT-Modell ist bewusst vorsichtig angelegt – es soll das Risiko eher über- als unterschätzen. Für den Alltag heißt das: Das Risiko einer einzelnen, medizinisch begründeten Röntgenaufnahme ist sehr klein und überwiegend theoretischer Natur. Entscheidend ist die Rechtfertigung: Jede Anwendung ionisierender Strahlung muss einen Nutzen haben, der die Belastung überwiegt – so verlangt es das Strahlenschutzgesetz.

Merksatz

„Nec temere, nec timide“ – weder unbesonnen noch furchtsam. Der größere Fehler ist oft nicht die durchgeführte, sondern die unterlassene Untersuchung: Eine zu spät erkannte Erkrankung wiegt schwerer als die geringe Dosis einer indizierten Aufnahme.

Und noch etwas gerät leicht in Vergessenheit: MRT (Kernspintomographie) und Ultraschall arbeiten ganz ohne ionisierende Strahlung. Wo diese Verfahren die medizinische Frage beantworten können, sind sie in der Regel die erste Wahl.

Radioonkologie

Strahlentherapie bei Krebs: Warum Nebenwirkungen dazugehören

In der Strahlentherapie kehrt sich die Logik um. Hier ist die hohe Dosis kein Nebeneffekt, sondern das Ziel: Energiereiche Strahlung soll Tumorzellen so schädigen, dass sie sich nicht mehr teilen können. Die Gesamtdosis liegt typischerweise bei 50 bis 74 Gray, verteilt auf viele einzelne Sitzungen. Dass ein so wirksames Verfahren auch das umliegende Gewebe belastet, ist unvermeidlich – und der Grund, warum die häufigste Patientenfrage lautet: Welche Nebenwirkungen kommen auf mich zu?

Die wichtigste Antwort vorweg: Die Strahlentherapie wirkt lokal. Nebenwirkungen entstehen fast nur dort, wo bestrahlt wird. Wer nicht am Kopf bestrahlt wird, verliert deshalb auch keine Kopfhaare [5]. Das unterscheidet die Bestrahlung grundlegend von einer Chemotherapie, die den ganzen Körper erreicht.

Akute Nebenwirkungen und Spätfolgen: der zeitliche Verlauf

Fachleute trennen zwei Phasen – das beantwortet die häufig gestellte Frage, wann Nebenwirkungen beginnen:

Akute Nebenwirkungen

Sie treten während der Behandlung oder innerhalb von etwa drei Monaten nach Beginn auf und sind meist vorübergehend – nach Ende der Therapie klingen sie in der Regel allmählich ab [5, 6]. Typisch sind Hautrötungen, gereizte Schleimhäute und eine allgemeine Erschöpfung. Die Haut reagiert dabei verzögert: Beschwerden zeigen sich oft erst zwei bis drei Wochen nach der ersten Sitzung [6].

Spätfolgen

Sie sind definiert als Beschwerden, die mehr als 90 Tage nach der Bestrahlung auftreten – teils erst nach Monaten oder Jahren [7]. Ursache sind meist Vernarbungen (Fibrosen) oder Gefäßveränderungen, die die Funktion eines Organs einschränken können. Ob Spätfolgen entstehen, hängt stark von der Dosis am jeweiligen Organ ab [5].

Gut zu wissen:

Nicht jedes Gewebe reagiert gleich empfindlich. Haut, Schleimhäute, Knochenmark und Keimdrüsen sind vergleichsweise strahlensensibel; Nervenzellen, Gehirn, Muskeln und Fettgewebe deutlich weniger [5]. Moderne, computergesteuerte Techniken schonen gesundes Gewebe heute so gut wie möglich.

Was das für einzelne Körperregionen bedeutet

  • Brust: Hautreaktionen im Bestrahlungsfeld sind die häufigste akute Nebenwirkung, dazu Müdigkeit. Als Spätfolge kann die Haut verdickt oder verändert bleiben. Das Herz lässt sich heute meist aus dem Strahlengang planen – früher lag es häufiger im Feld, mit entsprechend späteren Folgen [6, 5].
  • Prostata: Erste Nebenwirkungen zeigen sich oft nach drei bis vier Wochen – Hautreizung, Müdigkeit sowie Beschwerden an Blase und Darm. Als mögliche Folge einer Nervenschädigung im bestrahlten Bereich steigt das Risiko für Impotenz oder Inkontinenz, betroffen ist aber längst nicht jeder [8, 5].
  • Lunge / Brustraum: Je nach Bestrahlungsgebiet können Reizungen von Speiseröhre, Atemwegen und Lunge auftreten [6].
  • Kopf-Hals-Bereich: Hier stehen gereizte Mundschleimhäute im Vordergrund; Haarausfall tritt nur bei Bestrahlung des Kopfes auf [5].

Warum manchmal Chemo und Bestrahlung zusammen?

Bei bestimmten Tumoren werden Strahlen- und Chemotherapie kombiniert (Radiochemotherapie). Die Chemotherapie kann Tumorzellen empfindlicher für die Strahlung machen und wirkt zugleich im ganzen Körper, während die Bestrahlung gezielt vor Ort ansetzt. Die Kombination folgt immer einem individuellen Behandlungsplan.

Erholung und Nachsorge

Wie lange die Erholung dauert, ist individuell verschieden und hängt von Region, Dosis und Allgemeinzustand ab. Akute Reaktionen bessern sich meist in den Wochen nach Therapieende. Wichtig ist die Nachsorge: Regelmäßige Kontrollen helfen, mögliche Spätfolgen früh zu erkennen und zu behandeln [5, 7].

Gutartige Erkrankungen

Reizbestrahlung bei entzündlichen Gewebe- und Weichteilerktankungen

Weniger bekannt, aber häufig: Strahlentherapie kommt nicht nur bei Krebs zum Einsatz. In Deutschland erhalten jährlich über 40.000 Menschen mit gutartigen Erkrankungen eine Bestrahlung – das entspricht etwa 10 bis 20 Prozent aller Bestrahlungen [9]. Behandelt werden vor allem schmerzhafte, entzündliche und degenerative Beschwerden:

  • Arthrose (z. B. an Knie, Hüfte, Schulter, Hand)
  • Fersensporn / Plantarfasziitis
  • Tennis- und Golferellenbogen (Epicondylitis)
  • Achillessehnenreizung (Achillodynie) und Schultersteife

Der entscheidende Punkt: Die hier verwendete Dosis ist sehr viel niedriger als in der Krebstherapie – oft nur wenige Gray insgesamt, in kleinen Einzelportionen über wenige Wochen. Die Bestrahlung wirkt entzündungshemmend und schmerzlindernd. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie ist diese niedrig dosierte Reizbestrahlung praktisch frei von akuten Nebenwirkungen und Spätfolgen [10].

Realistisch bleiben:

Die Reizbestrahlung lindert den Schmerz – sie repariert aber nicht den zugrunde liegenden Gelenkschaden. Der schmerzstillende Effekt kann dennoch lange anhalten [11]. Ein theoretisches Risiko für Zweittumoren wird in der Fachleitlinie berücksichtigt und als gering eingestuft; die Indikation wird individuell abgewogen, besonders bei jüngeren Patienten [11].

Sinnvoll ist die Behandlung vor allem dann, wenn andere Maßnahmen wie Physiotherapie oder Schmerzmittel nicht ausreichend geholfen haben – und je früher, desto besser die Aussichten [10].

Fazit

Strahlung ist nicht gleich Strahlung

Die Angst vor „Strahlung“ wird ihr selten gerecht, weil sie drei sehr verschiedene Dinge in einen Topf wirft. In der Diagnostik geht es um winzige Dosen, deren Risiko klein und meist theoretisch ist – und deren Nutzen bei begründeter Indikation überwiegt. In der Krebstherapie sind hohe Dosen und damit auch Nebenwirkungen Teil eines wirksamen Behandlungskonzepts, das gesundes Gewebe zunehmend schont. Und die Reizbestrahlung gutartiger Beschwerden arbeitet wieder mit sehr niedrigen Dosen. Wer diese Unterschiede kennt, kann Nutzen und Risiko realistisch abwägen – ganz ohne unnötige Angst.

Literatur

Die medizinischen Aussagen dieses Beitrags stützen sich auf folgende Fachquellen (zuletzt abgerufen im Juli 2026):

[1] Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): Natürliche Strahlung in Deutschland – durchschnittlich 2,1 mSv pro Jahr. bfs.de

[2] Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) / ODL-Info: Strahlenbelastung im Alltag – Transatlantikflug ca. 0,1 mSv, Röntgen- und CT-Dosiswerte. odlinfo.bfs.de

[3] Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): Das Linear-No-Threshold-Modell (LNT) im Strahlenschutz – Standpunkt. bfs.de

[4] Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): Hormesis – Bewertung durch UNSCEAR, ICRP und BEIR. bfs.de

[5] Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ): Strahlentherapie – Durchführung und Nebenwirkungen bei Krebs. krebsinformationsdienst.de

[6] Krebsinformationsdienst (DKFZ): Strahlentherapie bei Brustkrebs – akute Nebenwirkungen und Spätfolgen. krebsinformationsdienst.de

[7] Kompetenznetz Pädiatrische Onkologie (GPOH): Nebenwirkungen und Spätfolgen der Strahlentherapie – Definition akut / spät. gpoh.de

[8] Krebsinformationsdienst (DKFZ): Bestrahlung bei Prostatakrebs – zeitlicher Verlauf, Fatigue, mögliche Spätfolgen. krebsinformationsdienst.de

[9] Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO): Über 40.000 Patienten pro Jahr mit gutartigen Erkrankungen; 10–20 % aller Bestrahlungen. degro.org

[10] DEGRO (O. Micke et al.): Niedrig dosierte Bestrahlung beim Fersensporn – Wirksamkeit, praktisch frei von akuten Nebenwirkungen und Spätfolgen. degro.org

[11] DEGRO: S2e-Leitlinie „Strahlentherapie gutartiger Erkrankungen“ (Version 3.0) – anhaltende Schmerzlinderung, Bewertung des Sekundärmalignomrisikos. degro.org (PDF)

 

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